Sushi als Glückssymbol?

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Zum Glück hatte ich mir den Wecker meines Handys gestellt und wurde damit um 18 Uhr am Abend wach. Bleiern, das beschrieb am besten, wie ich mich im Gesamten fühlte. Es dauerte dann auch noch fast bis 20 Uhr, bis ich im Stande war, das ach so gemütliche Hotelbett zu verlassen. Aber, so dachte und erinnerte ich mich lächelnd, an den häufig gehörten Ausspruch meiner Mutter, auf einer unserer vielen gemeinsamen Reisen, „Schlafen können wir zu Hause, wir sind doch hier um etwas zu sehen!“

Das Hotel ohne Plan verlassend, ging ich, so wie ich es gerne in unbekannten Gegenden tue, Boulevards vermeidend, möglichst in immer kleiner werdende Gassen. So tat ich es auch an diesem Abend. Dennoch, ich war in einem Ausgehviertel. Ein Restaurant reihte sich an das andere. Wild hingen die Leitungen der überirdischen Strommasten über den Köpfen der Flanierenden. Meist waren es japanische Restaurants, hier und da fand man auch einen Chinesen. Viele ließen keine Einblicke zu und manche konnte man gar erst über eine Treppe in den ersten Stock erreichen. Zielsicher entschied ich mich für ein Sushi Restaurant. Ein freundliches Mädchen stand vor der Tür und verkaufte Sushi to go an die Passanten. Ich bedeutete Ihr hinein zu wollen. War es ein Erstaunen, das ich da in Ihren Augen aufblitzen sah, oder war es Erfolgsbewusstsein, wieder einen Gast mit freundlichem Blick für das nur dürftig besetzte Lokal gewonnen zu haben?

Sie begleitete mich hinein, wies mir einen Platz an der langen Theke zu, – sonst gab es keine weiteren Sitzmöglichkeiten – und unter den staunenden Blicken der 3 Köche in ihren steifen Mützen, nahm ich auf einem der hölzernen Barhocker Platz. So wie allenthalben üblich in Japan, gibt es das Gericht immer mindestens als Bild, meist aber auch in einem künstlichen Anschauungsobjekt zu begutachten. Schnell war geklärt, dass ich grünen Tee wollte und fast ebenso schnell entschied ich mich, vom Foto inspiriert, für ein Set Menü also einen der Nigiri Sushi – Teller. Nigiri steht dabei für die halbgerundete Form, die durch die Herstellung mit der Hand entsteht. Die englische Unterschrift versprach zumindest zwei bekannte Fischsorten, nämlich Tuna und Salmon. Sojasauce und ein leeres Tellerchen standen schon vor mir auf dem hübschen Gedeck. Der für mich zuständige Koch versorgte mich noch mit Stäbchen und einem feuchten Tuch

 

 

Es dauerte nicht lange, da wurde das Bestellte auf einer rundumlaufenden, erhöhten Anrichte hingestellt. Also aussehen tat es lecker. Mühevoll nahm ich mit meinen Stäbchen, den ersten der Sushihappen vom Teller, „mmh“, es war roher Tunfisch. Keine Ahnung, ging es mir durch den Kopf, wie ich den mit diesen stumpfen Stäben ein bisschen mundgerechter bekommen soll. Also nahm ich beherzt das ganze Teilchen zwischen die Stäbe, führte sie zum Mund und biss ab. Der Koch, der mich seitdem ich Platz genommen hatte, nicht aus den Augen ließ, verfolgte mit großen runden Augen mein Bemühen. Der Biss saß, ein Teil blieb im Mund der andere fiel in die Reisschale. Klappt doch, dachte ich mit nur geringen Zweifeln über mein Tun. Die Sojasauce hatte ich mir in das Schälchen vor mir gegossen. Darin tunkte ich das jeweilige Sushistück. Tuna schmeckte sehr gut, also widmete ich mich unter gestrengen Blicken des Kochs dem nächsten Happen. Natürlich gab es Schweinerei. Die Teile plumpsten in die Sauce und es dauerte auch nicht lange, da schritt der Koch ein. Er schob mir den Teller mit dem Sushi eine Etage tiefer und nahm das Tellerchen mit in Sojasauce schwimmendem klebrigen Reisklumpen weg. Nett, das machte die Wege erheblich kürzer und die Reiskörner hätte ich sowieso nicht mehr aus der Sauce fischen können. Er stellte mir ein neues Tellerchen hin. Natürlich hatte ich mich schon während meiner Vorbereitungen schlau gemacht; und auch von Sushi Erlebnissen in Deutschland wusste ich, dass der Reis einfach nicht in die Sauce gehörte. Aber wie war die Aufgabe zu lösen, grübelte ich, welche Varianten blieben noch. Für das nächste Mal würde ich bestimmt mal die Anleitung zum gekonnten Sushi-essen googeln. Ich hatte gehofft, beim Zuschauen lernen zu können, aber in diesem Restaurant saß nur ich und viele Meter weiter an der Theke ein einzelner Herr beim Zeitunglesen. Der hatte sein Mahl aber bereits beendet. Wann immer ich bisher den Japanern beim Essen auf den Mund geschaut hatte, hatte ich wahrgenommen, dass Sie den Kopf sehr nah an Ihre Schälchen brachten, dass sie lange Teile wie Nudeln schlürften, und die durften dabei auch zwischen Suppe und gespannt sein, bis sie nach dem Biss runterfielen. Nun, der Koch mit seiner Mütze, schien trotzdem meine Art, der Sache zu Leibe zu rücken, das ganze so spannend wie ein Theaterstück zu empfinden, jedenfalls konnte er den Blick nicht von mir lassen.

 

Ich blieb stoisch, ließ mich nicht irritieren und nahm den nächsten Brocken ins Visier. Diesen hatte ich nun fast bis zum Schluss gelassen. Irgendwie erschien er mir, von seiner Oberfläche her betrachtet, nicht einfach zu meistern. Der Eindruck hatte nicht getäuscht. Ich kann nichts Vergleichbares finden um zu beschreiben, wie sich das anfühlte. Wie die Schwarte eines Ameisenbärs? Vielleicht konnte man es mit einer Speckschwarte vergleichen nur unverhältnismäßig rauher. Also, was tun mit diesem Stück Ameisenbärenpanzer in meinem Mund unter den Augen des völlig in die Vorführung, denn eine solche bot ich ihm ungewollt, vertieften Kochs. Seine Spannung schien zu wachsen. Natürlich hatte sich dieses rohe Teil nicht teilen lassen, schon gar nicht mit einem Stäbchen. Dennoch, ich war überzeugt, dass auch ein herkömmliches Messer es nicht vollbracht hätte. Also kaute ich mit riesig dicken Backen, rechte Gebisshälfte einsetzend, linke Gebisshälfte einsetzend so vor mich hin. Eine wirkliche Geschmacksnote konnte ich indes nicht ausmachen. Es schmeckte nach gar nichts. Konnte er auch sehen, wie ich fieberhaft überlegte? Schlucken ging auf keinen Fall, ich wäre erstickt. Die Minuten verstrichen, ich kaute unablässig aber ohne eine Veränderung an diesem Brocken zu bewirken. Die fieberhafte Suche nach der Lösung des Problems ließ mich aber kauend, mit der linken Hand schon mal nach meiner Tasche am Stuhl angeln. Die Augen des Kochs verfolgten die Bewegung. Ein Papiertaschentuch, es half ja alles nichts, ein Papiertaschentuch musste her. So trainiert man also seine Kaumuskeln. Der Zufall kam mir zu Hilfe. Die Eingangstür ging auf und es kamen zwei neue männliche Gäste, und das nette Mädchen wies Ihnen einen Platz unweit meines Platzes an. Nur langsam den Blick von mir wendend, bewegte der Koch sich in Ihre Richtung. Letztlich musste er sie aber doch anschauen, um Ihre Wünsche entgegen zu nehmen.
Blitzschnell, da lange schon vorbereitet, nutze ich die Gunst der Sekunde, schob das Taschentuch vor den Mund und übergab den nicht zu bezwingenden Brocken in den Schutz des Papiers und ab da mit in die Tasche. Es gab noch ein letztes Teilchen auf meiner Platte, dem widmete ich nun meine Aufmerksamkeit und den leeren Mund.

Natürlich konnte ich zurück im Hotel meine Neugier via Google stillen. Es musste sich um die Sushi Art namens „Herring Roe” oder „Kazunoko“ gehandelt haben. Es waren die Ovarien einer Heringsdame, auf der ich ungezählte Minuten lang herum gekaut hatte. Einziger Trost war nun sicher nicht der, dass dieses Gericht in Japan als Symbol für Fertilität galt, aber dass man es meist am Neujahrstag aß, da das Essen dieser Ovarien Glück bringen sollte, damit ließen sich meine Bemühungen dann ja irgendwie noch ins Positive wenden.

Genauso stelle ich mir reisen vor, dachte ich, beim Einschlafen in meinem gemütlichen Bett. Fremde Länder, fremde Sitten wollte ich kennenlernen und da durfte man nicht zu zimperlich sein. Hauptsache kein Kugelfisch muss der letzte Gedanke gewesen sein, den ich erinnere, dann fielen mir auch schon die Augen zu.

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