Ein Leben in Freiheit oder im freien Fall?

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Es ist das Jahr 2020,  von dem sich nicht wenige Menschen so besonders viel versprochen hatten. Wie es zu dieser herausragenden Bedeutung kam, kann man nur vage ahnen. Vermutlich ein Zusammenspiel verschiedener Betrachtungsweisen.

Angeregt durch die Vergleiche mit den Goldenen Zwanzigern, schwelgte man hier in Deutschland und ganz gewiß auch anderen Orts,  in Bildern von dieser so lebendigen und lebenslustigen, entfesselten Zeit. Nicht wenige erhofften sich einen neuen Kick, einen bisher nicht bekannten Spirit, den die Zwanziger der Zweitausenderjahre für uns bereithalten würden. Für die Astrologen war 2020 als Mondjahr von großer Bedeutung. Sie gingen davon aus, dass die Verbindung von Jupiter und Saturn einen neuen zwanzigjährigen Zyklus einleiten würde.

Niemand in Europa , der in der Nacht vom 31. Dezember zum 01. Januar 20 sein Glas erhob und auf das Neue Jahr anstieß, ahnte, welch tückische Gefahr für die Menschen sich in dieser Nacht schon irgendwo in China in den Körpern von Menschen zu reproduzieren begonnen hatte. In China, der vermuteten Ursprungszelle des Coronavirus SARS-CoV-2 , hatte das Jahr der Ratte im Januar dann auch so viel anders begonnen,  als man es erwartet hatte. Läßt ein Jahr der Ratte die Chinesen auf Glück und Gewinn hoffen und animiert zum hoffnungsvollem Neubeginn, kam dort zunächst einmal das Leben zum Erliegen. 

Wähnten wir in Europa das Virus zu diesem Zeitpunkt noch sehr weit weg im Reich der Mitte, hatte es sich längst auf den Weg gemacht und war in die verschiedensten Städte unseres alten Kontinents eingezogen. So viele Menschen hatten tatsächlich die Rechnung ohne die Auswirkungen der Globalisierung gemacht. So, wie wir Menschen heute um die Welt reisen, so tat es Huckepack doch auch das Virus. Damit ist es auch nicht verwunderlich, dass es am heftigsten an den touristisch allezeit begehrten Orten zu erst in Erscheinung trat.

Zunächst ahnte man nicht, was das war, dass die Menschen reihenweise mit Fieber, Husten oder Schnupfen befiel. Und als man es ahnte, meinte man, das könne nicht so schlimm sein. So etwas wie eine Grippe halt. Niemand wollte genau hinsehen, welche Spur der Verwüstung SARS-CoV-2 bereits in China, Thailand, Iran und andernorts hinterlassen hatte. In den Skigebieten der südlichen und nördlichen Alpen war Hochsaison dort galt es den Umsatz zu steigern und nicht die Panik. 

Ein bisschen mehr Panik hätte manches Leben retten können. Aber lieber glaubte man an das eigene Halbwissen oder an das der Maulhelden, die so gerne vermeintliche Übertreibungen zur höhnischen Anzeige bringen. Es ist geradezu erschreckend, wie wenig der Mensch in der Lage ist, Informationen zu einer sachlichen Einschätzung zu nutzen. Angst ist verpönt. Nur etwas für Weicheier. Werden ganze Bergdörfer im Winter von Lawinenabgängen eingeschlossen, gibt es immer auch die, die sich mit den Hubschraubern, die die Menschen aus der Gefahr rausholen sollen,  in die Gefahr hineinbringen lassen. Die gesunde Angst, die Menschen, die in der Natur überleben müssen, in sich tragen, wohnt wohl den meisten von uns heute nicht mehr inne. Es geht dabei nicht um die berühmt-berüchtigte „German Angst“ , mit der viel mehr die Angst um den eigenen Wohlstand gemeint ist. Davon haben wir genug.  Die Angst, um die es im Angesichts einer solchen Pandemie geht,  und die unser Adrenalin zum fließen bringen sollte, ist die Angst vor den Kräften der Natur, die zum Tode führen kann und zwar zu einem unschönen und obendrein zu einem vermeidbaren. Hätten wir nur so ein gesundes, weil funktionierendes Frühwarnsystem. Aber der Glaube an die eigene Überlegenheit und an die  Überlegenheit der Technik verführt zu einer Hybris, die wiederum beängstigend ist. Längst ist der Verstand vieler Menschen auch nicht mehr in der Lage den „Overkill“ medialer Informationen vernünftig zu sortieren. Zu wenige Zeitgenossen machen sich noch die Mühe nach fachlich fundiertem Wissen zu recherchieren. 

Kaum einer konnte daher noch differenzieren, als uns die Bilder aus China erreichten, dass es sich hierbei nicht um die gewohnten Schreckensmeldungen von ganz weit weg handelte. 

„Spilled Milk“.  Nun sitzen wir zu Hause in unseren vier Wänden und staunen nicht schlecht, dass schreckliche Nachrichten auch für uns einmal wahr werden können. Wenn wir denn zu Hause sitzen, weil irgend ein Rest von Vernunft die richtige Reaktion bei uns zugelassen hat. Nach wie vor gibt es uneinsichtige, selbstüberhebliche Hasardeure, die meinen, hier ginge es um eine lächerliche Massenpanik. Vielleicht haben sie aber einfach nur keine Eltern mehr oder keine gesundheitlich geschwächten Menschen in ihrem Umfeld. Vielleicht überschätzen sie auch nur ihre eigene Widerstandskraft oder ihre Fähigkeit komplexe Vorgänge dieser Art allem voran exponentielles Wachstum zu erfassen. Vielleicht fehlt es ihnen aber auch an einem ethischen Grundgerüst und der erforderlichen Demut, jedem Menschen den gleichen Schutz zugestehen zu können. 

Deshalb hat der bayrische Ministerpräsident ganz sicher den Nagel auf den Kopf getroffen  als er sagte, diese Krise sei für die Bevölkerung nicht nur ein Stresstest sondern auch ein Charaktertest. 

Wie dieser Test endet, bleibt ungewiss. Gibt es zum einen die, die meinen, unsere Gesellschaft würde sich durch die Coronkrise zu einer besseren Gesellschaft entwickeln, so gibt es andererseits jene, die meinen, es käme zu Unruhen und Widerstand.  Je länger die einschränkenden Maßnahmen andauern, um so mehr leiden Solidarität und Mitmenschlichkeit. Man vergleiche nur den Enthusiasmus der “Willkommenskultur” von 2015 mit der Bereitschaft die Augen fest zu verschließen,  angesichts unmenschlichster Verhältnisse in den Flüchtlingslagern in Griechenland 2020. Nur die hartgesottensten Altruisten begehren derzeit noch auf. Hilfsbereitschaft und Solidaritätsgefühle verfügen meist nur über eine geringe Halbwertszeit. 

Und dann sind da auch noch jene, die meinen durch die einschränkenden Maßnahmen des Staates ihrer Freiheit beraubt zu werden. Vereinzelt sehen sie unser Land auf dem Weg in die Diktatur. Dabei handelt es sich gewiß um Menschen, die auch sonst meinen,  jegliche Verantwortung für das was Ihnen geschieht oder nicht geschieht von sich weisen zu müssen und die Verantwortung beim Staat,  in jedem Fall aber immer bei jemanden anderen zu verorten suchen.  Die eigene Freiheit ist doch nur dann von Wert, wenn sie auch die Fähigkeit zur Übernahme von Verantwortung mit sich trägt. Und ja, Freiheit kann auch bedeuten, dass ich mich zum Wohle anderer einschränken muss. Nicht umsonst hat man auf das Gedankengut vieler intelligenter und charakterstarker Menschen vertraut als man 1791 in Frankreich den Artikel 4 der Erklärung der Menschenrechte formuliert hat, der besagt, das Freiheit darin besteht, alles tun zu können, soweit es keinem anderen schadet. Keine gesellschaftliche Verantwortung übernehmen zu wollen,  ist doch keine Freiheit sondern nur eine armselige Kreatur im  freie Fall. Nun sind Menschen mit Haltung und Charakterstärke gefragt. Keine Sophisten und keine Egoisten. Es bleibt abzuwarten und es bleibt spannend, wie die Gesellschaft aus dieser Krise heraus kommt. Schreitet sie erstarkt an Charakter in die Zukunft oder flegelt sie sich in unmündiger Freiheit in die nächste  Ruhe vor dem Sturm. Krisen stehen der Menschheit ganz sicher noch ins Haus. 

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