Artemisia Gentileschi und andere Künstlerinnen in Gent – Ein Fragment

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Am Tag danach sitze ich verträumt auf meinem Stuhl und blicke auf das vom Himmel und mangels Sonne grau getönte Meer. Ich grüble darüber,  ob ich für mich eine Favoritin ausmachen kann unter den Malerinnen des Barock, die ich gestern in der Ausstellung in Gent bewundern durfte. 

Könnte es Artemisia Gentileschi (1593–1652) sein, die als Zentralfigur der Epoche und wohl als die Berühmteste unter den ausgestellten Künstlerinnen gilt? Schön sind ihre Frauengestalten, zärtlich, ängstlich, verletzbar,  selbstbewusst oder überlegen blickend. Auch entschlossenen Blickes können diese Frauen ihr Werk vollbringen, erinnere ich mich und finde in meiner Foto Mediathek das Foto eines Gemäldes, welches ich vor ziemlich genau einem Jahr in Florenz in den Uffizien von Ihr hatte sehen können. „Judith und Holofernes“. Dieses Gemälde war als ein vermeintlicher „Caravaggio“ in das berühmte Museum gelangt. Obschon ich die Malerei Caravaggio`s über alles schätze, hier muss der Kunst Gerechtigkeit widerfahren. Ich kann sie bei den männlichen Künstlern nicht wirklich finden, die Blicke, der Frauen, die Bände sprechen, – „die mehr sagen als tausend Worte“- . Das gelingt mir jedoch beim Betrachten vieler der Kunstwerke, die ich in dieser Ausstellung sehen kann. 

Bei dem Sujet handelt es nicht selten, so wie bei Artemisia auch,  um  „Judith und Holofernes“ . Immer wieder begegnet einem dieses Motiv. Immer wieder begegnen einem in dieser Ausstellung Darstellungen von Geschichten, in welchem die Frauen Ihre latente Macht bewiesen, die sie de facto nicht hatten, zu deren Ausübung sie aber potenziell durchaus in der Lage waren. So als wollten die Malerinnen dem Betrachter sagen: pass nur auf, in uns Frauen schlummert etwas Gewaltiges und wird es erst entfacht, dann rollen die Köpfe der Männer, oder sie erleiden den Tod in der Tiefe eines Brunnens, sowie der General aus dem Heer Alexanders des Großen,  den einst Timoclea dort hinein befördert hat (Timouccide il capitano di Alessandro Magno)“. So der Titel des Gemäldes von Elisabetta Sinai (1638 -1665). Auch ihr gilt in großem Maße meine Bewunderung. Nicht nur,  dass Sie als erste Frau in die Accademia di San Luca in Rom als Mitglied aufgenommen wurde, sie gründete auch eine Kunstakademie für Mädchen und Frauen in ihrer Heimatstadt Bologna.  Grundsätzlich nichts Außergewöhnliches für die Zeit des Barock, aber Akademien für Frauen, das hatte es bisher noch nicht gegeben.  Man legte damals großen Wert auf eine gute  handwerkliche Ausbildung  sowie eine kunsttheoretische Bildung der Künstler. Elisabetta wollte, dass dies auch den Frauen zugänglich sein sollte. Wie bei einigen der hier ausgestellten Künstlerinnen wurde Elisabetta durch den Vater, der Maler und Mitarbeiter von Guido Reni war,  an die Kunst herangeführt. Sie wurde sogar von Ihren Vater unterrichtet, war Musikerin und mit philosophischer und kunsttheoretischer Literatur vertraut. Bedauerlicherweise war ihr nur ein sehr kurzes Leben und Wirken beschieden. Sie starb mit gerade einmal 27 Jahren an den Folgen eines Magengeschwürs. Hatte sie sich zu viel zugemutet?

Glücklicherweise war sie in dieser Hinsicht eine Ausnahme. 

Eine Gemeinsamkeit der ausgestellten Künstlerinnen ist indes  längst auszumachen. Die meisten von Ihnen kamen in den Genuss einer humanistische Bildung und hatten dabei Zugang zur geistes- und allgemeinwissenschaftlichen Literatur. 

Dies wird beim staunenden Betrachten der Kunstwerke für mich zur Gewissheit. Diese Frauen wurden angeleitet, gefördert und unterstützt. Verglichen selbst mit Frauen der heutigen Zeit,  genossen sie, wenn auch über 400 Jahre vor unserer Zeit, eine  Erziehung und Bildung, die der Zeit voraus war. Sie alle waren deshalb auch auf ihre Weise und im Kontrast zu den Zuständen des Zeitalters durchweg sehr selbstbewusst.

Ausgesprochen deutlich wird dieser Umstand auf dem Gemälde von Sofonisba Anguissola (1532 – 1625) „Das Schachspiel“ . Eingefangen wurde von ihr darauf eine Situation beim Schachspiel. Sie selbst mit ihren Schwestern. Die mittlere hebt die Hand, sie möchte Ihre ältere Schwester auf etwas aufmerksam machen, die kleinste ist amüsiert darüber, die älteste, die Künstlerin selbst schaut dem Betrachter der Szenerie in die Augen, sie ist nicht ganz bei den Schwestern. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Betrachter, wie es scheint. Im Hintergrund sieht die Hausangestellte,  dem Spiel inhaltlich gegenüber eher distanziert, dem Geschehen jedoch wohlwollend und über die Kinder wachend zu. Über meinen Audio-Guide erfahre ich es wieder, Sofonisba genoss eine humanistische Bildung. Die Eltern verhalfen ihr zu einen künstlerischen Studium bei Bernardino Campi und Bernardino Gatti. Der Vater stellte den Kontakt zu Michelangelo her und bemühte sich um Aufträge für die Tochter.  Für die umfassende Bildung der drei Schwestern fehlte es an nichts, nicht einmal an einer reich bestückten Bibliothek. 

Beeindruckt bin ich auch von Sofonisbas Selbstportrait. Es zeigt sie als gerade einmal 24 Jahre junge, sehr hübsche Frau, die vor der Staffelei steht und ein Bild der Jungfrau Maria mit Kind malt. Wie unglaublich zärtlich Maria ihren kleinen Sohn in dem Bild im Bild berührt, während sie ihm achtsam den Kopf stützt. Soviel spürbare Mutterliebe lässt mich tief einatmen. Dabei ist dieses Werk auch ein sehr selbstbewusstes Statement. Sie zeigt sich auf Augenhöhe. Zeigt sich als eine Malerin die selbstverständlich zu den großen Künstlern ihrer Zeit gehört. Sie ist ein vollständig, vollumfassend geschultes und gebildetes Mitglied der Gilde. Sie weiß auch, dass sie damit eine Ausnahmeerscheinung, ja etwas besonderes ist. Respekt!,  denke ich und fühle Anerkennung für eine solche stolze Frau.

Das Gemälde der Nonne unter den Künstlerinnen, Schwester Orsola  (Orsola Maddalena Caccia, 1596 -1676)  ist mein Lieblingsbild.  „Der heilige Lukas in seinem Atelier“ (San Luca Evangelista nello Studio, ca. 1625). Lukas wird in diesem Bild als Bildhauer dargestellt. In seinem Schrank stehen dicke Bücher, einige davon sind aufgeschlagen. In ihrer Vorstellung ist er nicht nur Künstler sondern auch eine Art Wissenschaftler, er verfügt also auch über theoretisches Wissen. Das Gemälde ist voll von weltlichen und religiösen Bezügen. Gäbe es nicht noch so viel zu sehen, ich könnte noch lange vor dem Bild verweilen und versuchen, die Botschaften zu entschlüsseln. . 

Getauft als Theodora wurde auch Schwester Orsola als Kind schon von ihrem Vater, Orazio Gentileschi, Caccia, der selbst eine große Anzahl religiös konnotierter Werke schuf, umfassend ausgebildet.  

1620 tritt sie den Ursulinerinnen in Bianzè bei. Einige Ihrer Schwestern  sind ebenfalls in diesem Orden oder folgen ihr, so dass bald alle 6 Mädchen zusammen sind. Da sich der Orden in einem umstrittenen Gebiet befindet, holt der Vater seine Mädchen aus der Gefahr, in dem er einen eigenen Orden in Montalvo gründet. 1625 ziehen sie in den neuen Orden. Orsola wird Äbtissin. Sie richtet sich ein Atelier im Kloster ein. Sie und  eine weitere Schwester verwirklichen sich in der Malerei. 

Sind das nicht spannende Geschichten aus einer Zeit, in der bisher nur die Namen berühmter Maler in die Nachschlagewerke fanden?

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