Erleuchtung und Schicksalsergebenheit – Kyoto

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Suchen und Finden in Kyoto

Man sollte sich kein Bild von etwas machen, das man nicht kennt. Selbstverständlich konnte das reale Kyoto mit seinen über 1,4 Mio. Einwohnern zunächst nicht im geringsten mit den verklärten Vorstellungen mithalten, die ich mir im Vorfeld gemacht hatte. Die ersten Schritte durch die Großstadtstraßen waren ernüchternd. Geschäftig liefen die Menschen umher und in den kleinen Gassen hingen die Überlandleitungen an Masten so, dass man kaum den Himmel sehen konnte. Aber Holzhäuser und enge verschlungene Gassen, die gab es weit und breit nicht zu sehen.

Ich machte mich zu Fuß auf den Weg zur Burg Nijo. Diese wurde für die Shogune als Residenz während der Kaiserzeit gebaut . Kyoto war vor Tokyo bis 1869 die Hauptstadt und der Kaisersitz Japans gewesen, genauer und japanisch gesagt: „die kaiserliche Residenzstadt des Friedens und der Ruhe“
Die Shogune hingegen lebten immer schon eher in Tokio und hielten diese Residenzen sozusagen aus Prestigegründen.

Dort sollte ich allerdings nicht ankommen. Nach vielen mühsamen Kilometern des Suchens und nicht Findens und des Scheiterns an nicht vorhandenen Straßenbezeichnungen außerhalb des Zentrums, sah ich eine sehr große fünfstöckige Pagode aus dem Häusermeer herausragen, die meinen Blick fesselte. Ich lief darauf zu. Ich würde hier einen Abstecher machen und später zur Burg Nijo weiter gehen.

 

Ich betrat die Tempelanlage durch ein großes Tor. Zwei Reiher saßen auf der Mauer davor, so als ob sie die Brücke, über die man gehen musste bewachten.

 

Nun sah ich rechts die Pagode des Tempels liegen, sah wunderschöne Gärten und noch viele andere sehr große Tempelhallen.

 

 

 

Ich befand mich in der Anlage des To-ji Tempels. Die fünfstöckige Pagode, die ich schon von weitem gesehen hatte, ist 57 Meter hoch und damit die höchste in ganz Japan. Errichtet wurde sie im 9 Jahrhundert. Erdbeben und Feuer zerstörten die ursprüngliche Anlage immer wieder In der heutigen Form wurde sie 1644 wieder aufgebaut.
Die großen Hallen, von denen eine die Studierhalle und die andere die Haupthalle, genannt Kondo ist, beherbergt die ältesten noch erhaltenen Statuen des Shingon Buddhismus. Mit dem Bau der Tempelanlage hatte man bereits im 8 Jahrhundert begonnen. Der Tempel erlebte Glanzzeiten und Zeiten der Nichtbeachtung und Zerstörung. Ich staunte über die Schönheit der buddhistischen Statuen, die goldglänzend als dreidimensionales Mandala aufgestellt sind und leider nicht fotografiert werden durften. In der „goldenen Haupthalle“ also dem „Kondo” stand der Buddha der Medizin. „Yakushi Nyorai“ im Mittelpunkt. Um ihn herum sind 7 weitere, kleinere Buddha Statuen angeordnet, die für die 7 Erscheinungsformen des Yakush Nyorai stehen. 12 himmlische Generäle sind zum Schutz unter seinem Sitz aufgereiht. Sie stehen auch für die 12 Stunden des Tages und die 12 Stunden der Nacht, sowie für die 12 Monate des Jahres. Sie beschützen somit ununterbrochen auch die Menschen.

Der sogenannte Shingon Buddhismus, dem in dieser Anlage gehuldigt wird, ist ein esoterischer oder tantrischer Buddhismus. Er lehrt, dass die Erleuchtung für alle Gläubigen, im Bereich des Möglichen liegt. Diese kann erreicht werden durch das kontinuierliche Disziplinieren und Trainieren des Körpers, der Rede und des Geistes.

Die Gärten der Tempelanlage waren sehr harmonisch und schön angelegt; ein Teil der Bäume strahlte noch in herbstlichen Farben. Somit wurde der Spaziergang durch die Gärten ein Fest für die Augen. Rot und golden umrahmten die Farben der Blätter Tempelgebäude und Pagode. Im künstlich angelegten Teich, den man über kunstvoll gelegte Steine überqueren musste, schwammen rote und schwarze Koi. Diese Fische gelten den Japanern dann auch als Geschenk der Götter und Ihre Züchter pflegen die alte Lebensweise Japans“, Gemeinsinn, Akzeptanz des Schicksals und das Streben nach Exzellenz.

Um die Akzeptanz des Schicksals zu lernen war ich denn auch, mit ebensolchem Rat meines Kardiologen, ausgezogen. Das Streben nach Exzellenz, leidet jedoch, wenn man improvisieren muss und an den Geschenken der Götter vorbei rauscht. Nicht, dass man nicht alles, was man tut unter dieser Maxime tun könnte, aber Exzellenz entsteht durch Übung. Deshalb ist zu hoffen, dass der Weg zum Ziel zählt, dachte ich während ich abschließend meinen grünen Tee in einem klitzekleinen Café, innerhalb der Tempelanlage genoss.

 

Als ich das Café verlies, war es für die Burg Nijo längst zu spät geworden. Schicksalsergeben, machte ich mich auf den Rückweg zu meiner kleinen Kammer.

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