Von Melbourne nach Sydney II – Wilsons Promontory Nationalpark

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Dieser Besuch Australiens war im ursprünglichen Reiseplan nicht enthalten. Es ist seltsam, aber Australien war noch niemals auf meiner Wunschliste gewesen. Bei der Planung dieser Weltreise waren es ursächlich die unverschämt hohen Preise über Weihnachten und Silvester in Neuseeland gewesen, die mich dazu verleitet hatten, nach Alternativen zu suchen. 300 oder 400 Dollar Feiertagszuschlag für einen ohnedies schon unsäglich teuren Camper in der Hochsaison, hatten mich geradezu ein bisschen verstimmt. Damit wurde quasi diese Woche von Neuseeland abgezogen und für Australien eingeplant. Für Melbourne standen 2 Tage zur Verfügung. Die Distanz von Melbourne nach Sydney betrug mindestens 1000 Kilometer, je nachdem welche Route wir wählten, sogar noch etwas mehr. Für den 31.12. war in Sydney das AirBnB Zimmer gebucht und am 01.01 und 02.01 unser jeweiliger Abflug von dort. Das war der Zeitrahmen für die Strecke.

Ein bisschen wehmütig schaute ich deshalb am morgen unserer Abreise in Richtung Sydney,  bei einem letzten Spaziergang am Strand,  auf die gegenüberliegende Skyline von Melbourne. Wir hatten uns mit einem leckeren Frühstück in einem von Frauen geführten Café, direkt gegenüber des Hotels gestärkt und wollten früh Richtung Toora starten. Die Wahl war auf dieses kleine Nest in der Nähe von Foster gefallen, weil es sich ganz in der Nähe der Einfahrt in den Nationalpark „Wilsons Promontory“, kurz Wilsons Prom befand.
Circa 200 Km lagen vor uns und wir starteten auf dem Motorway 1 in östlicher Richtung. Die Höchstgeschwindigkeit in Australien liegt bei 100 – 110 Kmh, je nach Bundesstaat. Die Polizei ist als sehr rigide und streng bekannt, so dass wir uns bei wenig Verkehr, trotz Hauptreisezeit, auf den gut ausgebauten zweispurigen Motorways sehr in Acht nehmen müssen. Die freien Fahrspuren verlocken sehr. Aber ähnlich wie in Neuseeland, kommen wir häufig durch Städte und man kann niemals davon ausgehen, dass man 200 Kilometer in 2 Stunden schafft. Wenn wir noch eine Tasse Kaffee einplanen würden, dann wären 3 bis 3 1/2 Stunden ein realistisch eingeschätzter Zeitrahmen bis zum Wilsons Prom. Für diesen Nationalpark hatte ich mich entschieden, da die Wahrscheinlichkeit hoch sein sollte, dass man hier schon gleich nach der Einfahrt Begegnungen mit Kängurus haben konnte. Die Sorge wuchs aber auch schon außerhalb des Parks, dass wir unfreiwillige Begegnungen auf dem Motorway haben würden, denn die Schilder, die besagten „Vorsicht Kängurus” können kreuzen, nahmen schon bei der Anfahrt in dieses Gebiet an Häufigkeit zu. Früh am Nachmittag kamen wir im voraus gebuchten Motel an. Jetzt in der Hauptferienzeit war es schwer gewesen, überhaupt noch eine Unterkunft in der Nähe des Parks zu finden. Bereits vor einigen Monaten hatte ich versucht, eine Übernachtung in einem Leuchtturm zu buchen, aber das war auch Monate im Voraus schon nicht mehr möglich gewesen. Damit wir für diesen Park etwas Zeit gewinnen würden, hatten wir bereits von Melbourne aus die Übernachtungszahl von einer auf zwei Nächte erhöht; so mussten wir die Fahrt durch den Park nicht zur Rallye werden lassen. Das Motel war bei unsere Ankunft tatsächlich voll belegt. Von den Eigentümern erfuhren wir gleich bei der Ankunft, dass es auch außerhalb des Parks interessante Tiere zu sehen gäbe. Sie erzählten uns, dass unweit von hier zum Beispiel einige Eukalyptus Wälder seien in denen mit viel Geduld bereits Koalas zu sehen seien. Kaum hatte ich dies vernommen, war ich auch schon Feuer und Flamme und gar nicht mehr zu halten. Diese hübschen Kerlchen wollte ich unbedingt sehen. Bei der Anfahrt durch die Wälder hatten wir bereits viele Schilder gesehen, die vor einem Zusammenstoß mit Koalas warnten. Glücklicherweise blieb es in diesem Fall beim unermüdlichen abscannen der Baumkronen während der Fahrt. Kein noch so kleines Exemplar dieser entzückenden Beutelbären kam uns vor die Augen und die stets gezückte Kamera. Da es nach Beschreibung des Hoteliers ganz in der Nähe sein sollte, machten wir uns sofort nachdem wir die Koffer abgestellt hatten, zu Fuss auf den Weg in die besagte Richtung. Es sollte ein anstrengendes Unterfangen werden, das auch nach Stunden in sengender Hitze, – es hatte immer so um die 34 °C, – nicht zum gewünschten Erfolg führte. Dafür wurden wir Opfer einer echten Fliegenplage.

 

Diese flogen unentwegt auf die menschliche Beute zu, bevorzugt ins Gesicht und machten den Weg in der flirrenden Hitze zur Tortur. Alles was mir zur Verfügung stand wickelte ich um meinen Kopf, und schob die Brille dicht vor die Augen, dass sie nicht zum Ziel fanden. Jedoch beschränkte sich die Aussicht oft nur auf schwarze Brillengläser, da sie sich dann darauf absetzten. Nicht selten entfuhr uns ein Stöhnen auf Grund des ekelhaften Befalls dieser Plagegeister, die zum Glück keine Stechmücken waren. Was tut Frau nicht alles für den Anblick eines süßen Kerlchens. Zu letzt setzte ich mich unter das heiße Blechdach einer Bushaltestelle und harrte in der Hoffnung aus, ob nicht einer vom Baum herabfallen würde, aber nichts geschah. Außer Millionen schwarzer Fliegen hatten wir nichts gesehen. Erschöpft von diesem Ausflug in unsäglicher Hitze, ging ich zurück zum Motel.  Mit diesem unbefriedigendem Ergebnis neigte sich der ersteTag in Toora, vor den Türen des Wilsons Promontory zu Ende.

Wir hatten uns schon bei der Anreise festlegen müssen, um welche Zeit wir frühstücken wollten und pünktlich standen wir in dem schmuck- und lieblos gestalteten Gastraum des Motels.
Mindestens ebenso lieblos wie das Interieur war das Frühstück. Der Tisch, den wir uns in einer hinteren Ecke ausgesucht hatte, sah nicht nur verklebt aus und das Essen war mehr denn fad und einfallslos. Sei`s drum. Ich fieberte der Wildbeobachtung entgegen. Also fuhren wir früh durch das Eingangstor in den eine Halbinsel bildenden Park am Südzipfel Australiens. Einst sollen hier Aborigines vom Stamm der Brataualong gelebt haben. Heute sind sie zwar in das Parkmanagement eingebunden aber dennoch ist hier in Australien die Kultur der Ureinwohner nicht annähernd so allgegenwärtig, wie das in Neuseeland für die Maori gilt. Bei der Fahrt in den Nationalpark beschränkt sich unser Plan heute rein auf die Wild- und Naturbeobachtung, Auf einer Fläche von über 500 qkm sollte es doch heute hoffentlich dazu kommen, dass wir wenigstens ein paar Kängurus sehen würden.

Gleich auf den ersten ausgewiesenen Wanderwegen begannen wir mit der Suche. Bei ca. 35°C setzen wir unsere Schritte nur langsam. Eine Gruppe von jungen Hikern mit Buschhüten, die über einen Nackenschutz verfügen, macht sich hingegen kräftigen Schrittes an die erste Steigung und schnell entschwinden sie unseren Blicken. Uns wird schon nach den ersten Kilometern der Weg beschwerlich. Kein einziges Tier zeigt seine Nasenspitze. Irgendwann gehe ich alleine weiter, aber es wird zur Qual, da reizt auch der versprochene Blick von oben auf die Küste nicht mehr. Die Fliegen tragen ihren Teil dazu bei, dass das Laufen zur Tortur wird. Es ist zu vermuten, dass die Bewohner dieses Landstrichs sich mit etwas präparieren, sonst würden sie ja auch von schwarzen Fliegen übersät herumlaufen. Zu guter Letzt gebe auch ich auf. Kaum im Auto und auf dem Weg zurück zur Hauptstraße, sehe ich etwas dunkles im Gebüsch neben uns. Wow, es ist ein Kängeru Viel größer als ich es mir vorgestellt hatte und viel dunkler in der Fellfarbe Aber so schnell wie ich es auftauchte hat es auch wieder einen Haken gehüpft und ist im Buschwerk verschwunden. Nun möchte ich erst recht mehr davon sehen. Wir fahren weiter in Richtung Tidal River und an den Camp Ground in der Nähe seiner Mündung. Dort angekommen zieht es mich aber erst einmal mit jeder Faser meines Körpers in Richtung Meer. Es ist die Norman Beach an der ich endlich die angeklebten Kleider vom Körper werfen kann und Richtung Wasser gehen. Aber der optische Genuss dieser wirklich schönen Beach wird aufs gröbste verdorben durch die Fliegen. Da wir leider nicht im Besitzt irgendeiner Wunderlotion sind, die uns die Plagegeister vom Leib hält, müssen wir auch an diesem verlockenden Ort der Überzahl an Fliegen weichen. In den Sand legen und einfach dem Wellenrauschen zuhören, daran ist hier nicht zu denken. Das Wasser ist recht frisch und eine leichte Brise weht über die Oberfläche, so dass ein Spaziergang im Wasser ein einigermaßen fliegenfreies Vergnügen wird.

Im „Tidal River Store Café“ stehen wir dann sehr lange für eine Tasse Kaffee und einen kleinen Snack in der Warteschlange. Es herrscht Jugendherbergsstimmung und es sieht hier auch so aus. Inzwischen hat draußen ein heftiger Regen eingesetzt. Gemütlich unter einer Überdachung können wir einigermaßen trocken das ergatterte Mittagessen zu uns nehmen. Nun hat es scheinbar etwas abgekühlt. Mit neuen Kräften fahren wir wieder durch den Park. Auf einem Schotterweg begegnet uns der Jeep der Park Ranger. Die nette junge Frau erklärt, dass Kängurus dämmerungsaktiv sind und wo sie zur Abendzeit sicher aus ihren Verstecken kommen. Inzwischen ist es tatsächlich spät geworden und mit neuer Hoffnung fahren wir an den besagten Ort. Wir stellen den Wagen ab und bleiben, auch weil uns ein wenig die Unlust auf die draußen an der Scheibe schon wartenden Fliegen lähmt, im Auto sitzen. Eins ist mal sicher, denke ich, das Gefühl der Abkühlung durch den Regen, das war nur Schein. Es wird unerträglich heiß. 2 Augenpaare suchen die Landschaft bis zum Horizont ab. Ich vermag nicht zu sagen, wie lange wir im heißen Auto schmorten, als ich ganz weit weg einen dunklen Punkt sehe, der sich bewegt. Das muss ein Känguru sein. Leise, so als könnte es mich auf diese Entfernung hören, steige ich aus. Was immer ich als aus der Tür strecke, die Fliegen nehmen Besitz davon. Ich verhülle mich mit meinem Tuch. Nur die Augen hinter der Brille lasse ich frei. Ein tolles Gefühlt bei weit über 30°C im Schatten verschleiert durch die senkende Sonne zu laufen.

 

Mit sehr gemäßigtem Schritt gehe ich in Richtung des dunklen Punktes. Selbstverständlich wartet das Tier nicht auf mich. Es verschwindet wiederum von der Bildfläche. Aber ich habe Hoffnung geschöpft. Da wo eines ist, da werden auch noch andere sein. Ich gehe weiter und werde spät an diesem Tag noch für meine Ausdauer und Hitzebeständigkeit belohnt. Eine kleine Gruppe von den schönen und zum Teil wirklich sehr großen Beuteltieren hat sich auf einer Lichtung eingefunden. Ich weiß nicht, ob sie mich nicht riechen und hören können oder ob sie hier im Park, wo man sie sicher nicht jagen wird, einfach an Begegnungen mit Menschen gewöhnt sind.

 

 

 

 

 

 

Jedenfalls lassen sie sich durch meine Beobachtung und das Fotografieren nicht aus der Ruhe bringen. Es sind hübsche Tiere und sie gehören eindeutig zu den „Grauen Riesenkängerus“ Lange bleibe ich ganz ruhig stehen und habe Spaß, sie bei ihrem vegetarischen Abendessen zu beobachten. Es herrscht eine friedliche Ruhe und als ich meinen Blick irgendwann weiter schweifen lasse und in die andere Richtung schaue, kann ich auch noch zwei Emus beobachten.

 

 

 

Für mich hat sich die Ausdauer bei allen Widrigkeiten des Klimas und der Plagegeister gelohnt. Genauso langsam wie ich hierher gekommen bin, gehe ich die 2 bis 3 Kilometer zurück zum Wagen. Eine Gruppe von Rosskakadus sitzen zum Nachtmahl ebenfalls in den vertrockneten Ästen der Bäumen. Manche von ihnen kann ich in den durch den heftigen Regen entstandenen Pfützen beim Trinken sehen. Es sind sehr schöne Vögel, die etwas Farbe in das vertrocknete Holz der Büsche und Bäume bringen. Es könnte sein, dass dies die Überreste eines Waldbrandes sind. Gar nicht so selten wird diese Region in den Sommermonaten von Bränden heimgesucht.

 

 

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Wilsons Prom.

 

Und ganz zum Schluss darf ich noch den Hintern eines Nacktnasenwombarts bewundern. Leider zeigt er mir auch nur diesen, sein nacktes Näschen versteckt er im Gebüsch, durch das er dann auch ungelenk verschwindet.

 

Für mich war es ein herrlicher Tag im Wilsons Promontory National Park So viele mir bisher nur aus dem Fernseher bekannte Tiere in freier Natur zu sehen, das war ganz nach meinem Geschmack. Beflügelt durch den ereignisreichen Tag versuchen wir es nun auch nochmals mit den Koalas. Auf dem Rückweg fahren wir zum Eukalyptuswäldchen,  Inzwischen hatte es heftig zu regnen begonnen. Nun lief ich auch im Regen nochmals das kleine Wäldchen ab. Tatsächlich sah ich einen Koala. Dieser hatte sich zum Schutz vor dem Regen aber dermaßen eingerollt, dass er als solcher kaum zu erkennen war. Koalas haben ein ganz spezielles Fell an welchem Regen und Nässe ähnlich wie bei Wasservögeln abperlt.

 

 

 

Spät kommen wir nach Toora zurück. Der Hunger treibt nun auch uns an eine Futterstelle. Das Hotel am Ort, dem man ein nostalgisches Flair nicht absprechen kann, wurde uns als einzige Gaststätte im Ort von unseren Motel Besitzern empfohlen. Wir wollen es probieren. Erstaunt betreten wir den großen Speisesaal. Mindestens die Hälfte aller Dorfbewohner muss sich hier zum Essen eingefunden haben. Es ist Donnerstag zwischen den Jahren und man fragt sich, wie es wohl am Wochenende aussieht Es herrscht eine ausgelassene Stimmung. Hier findet doch keine Maus mehr Platz denke ich, als wir versuchen uns durch die Tische, Stühle und herumtanzenden Kinder und Serviererinnen zu schlängeln. Man wird trotz dieses Gewühles schnell auf uns aufmerksam und, oh Wunder, ein kleiner Tisch im hintersten Eck ist noch frei.

 

 

 

Die Karte ist umfangreich, die Getränke holt man sich selber an der langen Theke. Hier scheint jeder jeden zu kennen. Wir werden kurz beäugt, dann widmet man sich wieder den übervollen Tellern. Das sieht alles sehr deftig und fett aus. Die Menschen, die hier in großen Familienverbänden sitzen, sind aber auch alle wohlgenährt und schlichtweg übergewichtig. Es sind Menschen vom Land und aus der Landwirtschaft, bei denen heute die eigene Küche einfach mal kalt bleibt. Die Bedienungen sind kernig und robust. Irgendwie schwappt die Stimmung über auf uns. Fröhlich vertilgen auch wir unseren panierten Fisch, die Pommes und die Sahnesauce auf dem Salat. Alles hier erinnert mich an Dorffeste bei uns daheim, nur das die Leute hier englisch sprechen.

 

Kugelrund gegessen verlassen wir das Lokal und gehen noch die kleine Mainroad durchs Dorf. Da gibt es einen Gemischtwarenladen eine Bank, eine Post und ein Bekleidungsgeschäft in welchem man von der Küchenschürze bis zum Ausgehkleid alles bekommen kann. Die Auslagen scheinen mir wie aus den Schaufenstern meiner Kindheit.
Es ist friedlich in der Straße. Zu Wohnen scheint hier niemand. Die Menschen sitzen zu Hause auf ihren Farmen oder im Hotel bei Bier und Schnitzel.


Müde und sehr zufrieden falle ich ins Bett. Bevor wir morgen weiter nach Canberra fahren, werde ich es aber nochmals mit den Koalas versuchen. Draußen zirpen die Grillen. Lächelnd falle ich in einen tiefen Schlaf, durch dessen Träume sicherlich Kängurus hüpfen.

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