Schatten über dem Paradies

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Warum sollte man anfangen nach Fehlern zu suchen, wenn einem vergönnt ist, an so einem paradiesischen Ort auf Erden sein zu dürfen. Nun, die Antwort ist eine einfache: „es gibt sie“ und ohne, dass man danach sucht, werfen sie hier und da Schatten auf den verzückten Blick.

Ich hatte nun vier wunderbare Tage in Abgeschiedenheit verbracht, fühlte mich purifiziert und fühlte mich detoxiert. Gesprenkelt mit allerlei roten, leicht aufgedunsenen Quaddeln von den allabendlichen Mückenstichen, würde ich diesen wunderschönen Ort sonnigen Gemüts verlassen. Es waren nur einige zaghafte dunkle Wolken, die an meinem geistigen Auge vorbeizogen. Keine Schönheitsfehler, eher waren es degenerative Entwicklungen, die mir die eine oder andere Sorgenfalte auf die Stirn trieben.
Am allermeisten bedauerte ich die Paradiesbewohner wegen ihrer Fettleibigkeit. Ich hatte hier keine schlanken Menschen gesehen, nicht einmal Vollschlanke. Auch wenn das eine oder andere Kind die Ausnahme abzubilden schien, so war doch zu befürchten, dass im Laufe der Jahre aus dem schönsten schlanken Jungen, ein fettleibiger, übergewichtiger Koloss werden würde und aus dem eben noch gertenschlanken Mädchen, eine fette, dicke Frau, die auf Grund des Aneinanderreibens ihrer dicken Beine das Laufen eingestellt hatte und x-beinig nur mühsam oder niemals weit vorwärts kam. Schade, dachte ich so manches Mal. Oft sah man es deutlich, manchmal erahnte man die bildschönen Gesichter, die nun nach allzu einseitiger Ernährung aufgedunsen aber immer lachend aus den Hemdkrägen schauten. Na klar, auch mir war es schwer gefallen, mich zu bewegen. Die sengende Hitze machte „dull”. Dafür ging aber auch der Hunger zurück und der Durst nahm zu. Ich wußte nicht, was hier passiert war. Essen, dass so schwer zu bekommen ist, schien eine zentrale Bedeutung gewonnen zu haben.
Das meiste müssen die Insulaner selbst anbauen oder züchten. Aber das, was importiert wird, ist liebloses gummiartiges Weißbrot, wie man es aus Neuseeland, Australien und Amerika kennt. Daraus werden Sandwiches und Hamburger gebastelt. Alles kommt irgendwie fett daher. Fish und chips hat man von den Engländern übernommen, stark gezuckerte und kalorienhaltige Softdrinks scheinen der Importschlager Nummer eins aus den USA zu sein. Alles, was mit dem Schiff kommen muss, ist unsagbar teuer. Für eine 4 Liter Flasche Wasser zahlte ich über 10 NZ-Dollar. Natürlich fängt man hier das Regenwasser auf, filtert es und schon ist es trinkfähig. Nur Touristen wie ich, wagten immer erst einmal nur zaghaft, auf die beschworene gute Qualität zu vertrauen. Ich nahm das Inselwasser zum Kochen meines Tees und zum Trinken zahlte ich mit Freuden das teure Neuseeland Wasser. Aber die besten Voraussetzungen nutzen nichts und auch nicht die hier und da an den Durchgangsstraßen aufgestellten Schilder, die mit abgebildeten nekrotischen Extremitäten vor Diabetes Typ !! warnen. In den Regalen der kleinen Kaufläden findet man vor allen Dingen Kartoffelchips, Fertigspagetti, BBQ -Saucen, Schokoladen, und einige ausgewählte Konserven. Gemüse sieht man in den Läden so gut wie nie. Vermutlich haben alle Insulaner ihren kleinen Gemüsegarten hinterm Haus. Kaufen tut man so etwas scheinbar nicht in den kleinen Läden. Tiefkühlpizza und panierte Fertigspeisen sah ich zuhauf in den meisten Kühltruhen der Läden lauern.

So sausen Sie auf Ihren Motorrollern die kleine Inselstraße entlang und sind, wie es scheint, sehr zufrieden. Man wundert sich von welch` stabiler Bauart diese Scooter sind, auf denen gerne auch mal zwei oder drei glückliche Menschen Platz finden. Nirgendwo auf der Welt habe ich Menschen so oft und herzlich lachen hören, wie hier. Das begann schon auf dem Flughafen in Auckland. Zuerst schob ich es auf die Flugangst des älteren Herren in Bermudashorts und Flip Flops, der mit seiner Tochter eindeutig nach Hause wollte, dass er über alles, was sich um ihn herum tat, herzlich lachen konnte. Nun auf der Insel der scheinbar Seligen angekommen, stelle ich fest, dass alle ca. 2500 Einwohner dieses Inselchens immerzu sehr viel am lachen sind. Ist es nicht auch eine Gemütseigenschaft, die wir den kräftigen Menschen zu Hause zuschreiben, rundum zufrieden und lustig zu sein. Na ja, ein schlechter Versuch, da spielt hier am Ort noch mehr hinein.
Menema, mein persönlicher Inselengel ist in Neuseeland aufgewachsen. Wenn mich nicht alles täuscht, kommt bei ihr vielmehr Geschäftstüchtigkeit durch, wie bei den kleinen Angestellten hier vor Ort, die auch schon mal genervt sein können, wenn der Feriengast 5 Minuten vor dem geplanten Feierabend also um 5 vor 15 Uhr vor der Tür steht. Samstag abends schließen denn auch die Geschäfte gegen 5 und Sonntag würde man keinen Tropfen Benzin und keine Dose Champignons bekommen. Es ist Ruhetag. So wird es dem lieben Gott gefallen, und so steht auch das Schild am Straßenrand: „We trust in Jesus“. Ja, Jesus, den kann man sich hier noch vorstellen, und an mancher Stelle könnten Sie ihn und seine christliche Lehre auch gut gebrauchen, davon bin ich überzeugt. Aber den alttestamentarischen Gott, den kann ich so überhaupt nicht hier auf die Insel denken. Ich stelle mir vor, wie die Missionare den Einwohnern vom auserwählten Volk und dem gelobten Land erzählt haben und von den alten Ägyptern. Alles, was unsere Welt umfasst, samt dem Palästina Konflikt, scheint hier nicht wahr, scheint hier nicht möglich, ist hier nicht angekommen. Der Kampf ums gelobte Land diesen Menschen klar zu machen, bei denen die Weltpolitik auf der letzten Seite Ihrer Tageszeitung kaum Raum einnimmt, mutet abstrus an. Damit haben sie zurecht nichts am blumenumrankten Hut. Hier geht es im wahrsten Sinne des Wortes nur um den Nächsten, und der lebt auf dieser Insel. Was weit weg passiert, das ist so wie ein Science fiction Film, und das gibt es auch nur in dieser Flimmerkiste.

News Sender oder dergleichen, dass brauchte hier kein Mensch. Es zählen alleine Neuigkeiten, wie die, dass morgens die alleinreisende Frau aus der Beachvilla von Menema ein Auto gemietet hat, oder nachmittags das Schwein von dem Nachbarn endlich Junge geworfen hat. Alles, aber auch wirklich alles spricht sich in Windeseile auf der Insel herum. Die Geschichten, die das hiesige Leben schreibt, das ist es, was wirklich interessiert. Ich erfuhr diese News einmal am Tag von Menema.

Bestenfalls schaut man noch nach dem Mutterland Neuseeland, da wohl die meisten jungen Leute, die weiterführende Schulen besuchen, eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren wollen, dort hin gehen. Nur einige, so wie Menema kommen zurück, um Erlerntes hier weiterzuführen. Eine Tatsache ist es wohl auch, dass einige Eltern große Angst haben, ihre Jüngsten in das ferne Neuseeland ziehen zu lassen. Befürchten sie doch, dass ihr Sohn oder ihre Tochter dort dem Alkohol zugeführt, die Nächte durchfeiert werden oder Schlimmeres mit den Kindern passiert. Sie könnten mit verdorbenem Charakter zurück kommen. Da hat man die Sprösslinge hier doch ganz anders unter Kontrolle. Da erführe man sofort, wenn das Kind in der Nacht vorher irgendwo gefeiert hätte. So lässt man sie also am besten bis zu Ihrem 16 Lebensjahr hier in Aitutaki zur Schule gehen und dann können sie das Business der Eltern weiterführen und ihr Money mit den Touristen machen.

Wie ich schon erwähnte, es sind auf den ersten Blick glückliche Menschen. Sie lieben ganz gewiss Ihre Heimat und sind stolz auf Ihre Insel und Ihre Fähigkeiten, die auf hiesige Verhältnisse abgestimmt sind. Die Insel strahlt vor Sauberkeit. Die Häuser werden in Ordnung gehalten, der Rasen regelmäßig gemäht. Es wird gekehrt und geputzt. Ein Kleinod ist dieses Aitutaki, trotz aller Schatten.

Später während meiner Reise auf den Cook Inseln, höre ich einen guten Vergleich. In einer Cultural Village Tour auf Rarotonga erklärt die sehr eloquente und ganz gewiss mit hoher Schulbildung aus Neuseeland zurückgekommene Cook-Island- Maori den Gästen das Paradoxum so: Die Menschen hier haben in früheren Zeiten absolut biodynamisch auf diesen Inseln gelebt und sich ebenso ernährt. Sie hatten wenig Textilien an, tanzten viel und machten Musik. Sogar den Kannibalismus, ließ sie bei Ihren Darstellungen nicht aus. Dieser, so erklärte sie für die, die es noch nicht wussten, sei üblich gewesen, wenn man Stammeskriege führte. Die Krieger waren überzeugt davon, dass sie, wenn Sie einen stolzen und gefährlichen Gegner besiegt hatten, durch das Verzehren dieses Menschen seine besonderen Stärken und Charaktereigenschaften übernehmen könnten, sich diese quasi einverleiben könnten. Im Grunde war es so, dass Sie die Gegner, die sie verspeisten, auf Grund deren Tapferkeit und Stärke auch sehr achteten.
Die einstigen Cook Insulaner hatten viele Götter, an die sie glaubten und die sie anbeteten. Sie waren durchtrainiert und sehr beweglich. Vermutlich ist ihr Metabolismus bis heute geprägt von Genen, die sehr sparsam mit der Nahrung haushalten können. Dann seien damals die Missionare gekommen und hätten gepredigt und die Menschen tatsächlich vom Christentum und davon überzeugt, dass man sich gesittet kleiden muss, dass man Schnitzel panieren und Kartoffel frittieren muss und selbstverständlich keine Menschen essen darf.
Diese Vorstellungen und diesen Glauben hätten sie dann übernommen und sehr ernst genommen. Sie hätten sich züchtig gekleidet, hätten geholfen Kirchen zu bauen und Ihre Ernährung umgestellt und 3 mal am Tag gegessen. Bis heute befolgen sie das Gelernte. Sie gelten zudem als sehr fromm und dies im besonderen Maß auf Aitutaki.

Und heute? Heute litten Sie alle auf Grund der falschen Ernährung und der mangelnden Bewegung an Übergewicht. Nun kämen die Missionare wiederum aus der gleichen fremden Welt und würden sagen, Ihr müsst Euch biodynamisch, also gesund ernähren. Und die Menschen die heute aus der fernen Welt kämen, trügen kaum Kleider, im schlimmsten Fall lägen sie oben ohne etwas an der Beach, während die Menschen hier auf den Inseln sich züchtig kleideten und Sonntags in die Kirche gingen.
Ab Samstag Abend ruht die Arbeit und am Sonntag wird nach dem Kirchgang mit der Familie verbracht. Alkohol darf am Sonntag nirgends verkauft werden. Die meisten Läden haben eh geschlossen.
Und genau so ist es. Tatsächlich habe ich hier alles gesehen, was es an Geschmacklosigkeiten zu bieten gibt. Die Touristen und Touristinnen lassen BH`s und Speck, Ihre Pobacken und tieferliegendes locker aus den Höschen und den Hemdchen hängen und denken sich grad gar nichts dabei, während die Inselbewohner immer züchtig, immer mit Blumenschmuck im Haar und wunderschönen Mustern auf ihren Textilien proper und unanstößig gekleidet sind.
So ist sie nun die heile Welt, und das ist schön so. Kämen wir nun nicht schon wieder und würden Ansprüche stellen. Der gemeine Tourist wünscht eigentlich auch am Sonntag einzukaufen. In den Restaurants und Bars hört man dieser Tage die Touristen fragen: „ kann ich das vegetarisch, vegan, gluten- oder lactosefrei haben?
Man kann nur hoffen, die Bewohner der Inseln bleiben in ihrem längst erwachten Selbstbewusstsein stark. Reflektieren ihre Situation, werfen ungesundes über Bord und besinnen sich auf Ihre Wurzeln in Kombination mit den Dingen, die gut waren

Es ist wirklich eine verdrehte Welt, die sich hier im Laufe der Jahrhundert abgespielt hat. Aber, die Einheimischen erinnern sich ihrer Kultur, haben vieles doch in Ihren Geschichten, ihren Liedern tradiert. Und so fangen Sie heute, aus Ihrem durch die Missionare verursachten Schlummer erwacht, wieder an, sich auf die traditionelle Ernährung und die Beweglichkeit Ihrer Ahnen zu besinnen. Das medizinische Wissen, dass Wissen um die Pflanzen und deren Wirkung zu reaktivieren. Es sind stolze Menschen, die merken, dass nicht alles, was sie einst in Ihren Kulturen pflegten, falsch war.

Nur zu gerne würde ich wiederkommen und sehen, ob nicht irgendwann die jungen Menschen die Kurve kriegen, ob sich allzu dunkle Schatten des degenerativen Lebensstils nicht nach und nach verziehen.

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