Der Spirit des Rey Lobo

… berichten kann ich,  von der Entdeckung eines Ortes, auf den es magischen Sternenstaub zu regnen scheint, oder auch nur Saharastaub, trotzdem, ich bestehe drauf, was immer es ist, in jedem Fall ist es magisch. 

Die Anreise in der Dunkelheit könnte man abenteuerlich nennen. Immer wieder beschlichen mich Bedenken, dass der Van hinter mir, der noch einen guten Meter länger war als mein eigener, die nächste Kurve nicht mehr würde nehmen können, so eng und klein wurden die Straßen, durch die uns die Stimme des Navigationssystems sachlich und bestimmt vorantrieb. Zuletzt galt es noch, eine unbefestigte Straße samt ihrer Schlaglöcher zu überwinden, vorbei an einer Zitrus Packstation in einen größeren Industriekomplex. Ein Scheinwerfer ging an und ein schweres Tor öffnete sich für uns. Die Wandmalerei am dahinter liegenden Gebäude, die einen Mann mit arabischem Turban und entschlossenen Blick neben einem Wolf zeigte, kontrastierte das Industriedesign drumherum. „Camper Park Rey Lobo“

 

 

Es musste also ein König sein, dessen Konterfei uns hier begrüßte und neugierig machte, auf die Geschichte die dahinter stecken mochte. Auf der Suche nach einem Stellplatz in Murcia waren wir sozusagen vor den Toren der Stadt gelandet. Stromanschluss, Duschen, Waschmaschine waren die Kriterien gewesen, nach denen wir uns für diesen Platz entschieden hatten. Zu der späten Stunde, zu der wir ankamen, war das Büro nicht mehr besetzt. Wir fuhren hinein und suchten uns ein Plätzchen, auf dem offensichtlich spärlich belegten Platz. Alles Weitere würden wir morgen regeln und erkunden. 

Die erste Nacht war an Schlaf kaum zu denken. Auf irgendeinem der unbewohnten Nachbargrundstücke bellte ein Hund. Er begann etwa gegen zwei Uhr und bellte durch bis in die frühen Morgenstunden. Keine Ahnung wie die Stimmbänder dieses zweifellos verhaltensgestörten Tieres das mitmachten. Das neurotische Bellen ließ sich beim besten Willen nicht in ein Wolfsgeheul umdeuten, sonst hätte man es wenigstens phantasiereich in die Maurenzeit und die Geschichte um Rey Lobo umdeuten können. Sehr unausgeschlafen begannen wir dann auch den nächsten Tag. Mit dem kleineren Van fuhren wir nach Murcia, das eigentliche Ziel dieser Reise. Trotz dieser nächtlichen Störung verschwendeten wir seltsamerweise auch nicht einen Gedanken daran, den Platz vielleicht noch einmal zu wechseln. Irgendwie schien es, als gehörten wir genau hierhin. 

Zurück am späten Abend, suchte ich mir nochmals einen anderen Platz an der äußeren, terracottafarben getünchten Mauerwand. Von hier aus konnte ich durch die Frontscheibe über die Mauer hinweg auf die unweit liegende, terrassenförmig angelegte Festung aus der Zeit der Mauren sehen. 

Ich vermag nicht mehr genau zu sagen, wann es in diesen Tagen passierte. Es gab diesen bestimmten Moment, in dem sich mit einem Male alle Eindrücke um mich herum, in meinem Hirn zu einem Gesamtbild, einem Gesamteindruck formten. Der Blick über die terracottafarbene Mauer, der Anblick der Festung, meine Fantasien rund um Rey Lobo und dem Wolf, alles verband sich mit dem stets, auch jetzt im Dezember, warmen Wind.

Dieser Wind, der mich an eine Wüste denken ließ und mich gedanklich in längst vergangene Zeiten trug. Es kam zu dem Ereignis, das ich eine Verzauberung nennen würde. Der graue Betonboden, die Metallträger des Metalldaches, alles wurde von meinem Gehirn irgendwie ausgeblendet oder wenigstens ins Bild passend gefügt und ich spürte nur noch die geheimnisvolle Aura der maurischen Vergangenheit. Fast meinte ich Pferdehufe auf trockenem Boden zu hören. Ich verliebte mich in diesen Ort, mochte es dort zu sein. Musste nicht einmal die Augen schließen, um in eine Welt einzutauchen, von der ich nichts wusste, die mir aber vollkommen vertraut erschien. 

Nach einer Woche zogen wir weiter. Aber die Erinnerung an die Gefühlswelt, die ich in Monteaugudo hatte verspüren können, ließen mich nicht los. Ich musste noch einmal dorthin zurück. Und wieder stellte er sich ein. Der Traum, der hier an diesem Ort zum Tagtraum  werden konnte. 

Der Besitzer des Platzes, Alejandro wusste um diese Magie, er erwähnte es. Ich weiß nicht, wie viele der Gäste, die an diesen Ort kommen, diesem Zauber erliegen. Ich tat es und Alejandro war Teil davon. Beim Blick in seine Augen konnte man es sehen, die Glut des Feuers in der Wüste bei Nacht, die Stimmen aus der Vergangenheit, die rufen. Ein Ort zum Träumen, in dem ich nächtlich keine Hunde mehr vernommen habe, an dem das Aufwachen, wie die Rückkehr von einer abenteuerlichen Reise war. 

Vieles wissen wir über die Zeiten der Mauren in Andaluz. Viele alte Steine können wir anschauen, wenn wir diese Region bereisen. Doch hier an diesem Ort hat sich etwas erhalten, lebt der Spirit dieser Zeit, wer weiß, begegnen wir dem Geist der wilden und starken Herrscher, wie Rey Lobo einer war. Hat sein Geist sich hier eingefunden, hat er ewige Heimat gefunden, bei Alejandro, dessen Herz offen dafür ist?

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